Vision Y – Was macht die Zukunft erstrebenswert?

von Lisa Kirberg

Was macht die Zukunft erstrebenswert? Was motiviert Menschen, die heute ins Berufsleben einsteigen, sich einzusetzen?

Diese Frage stand am Anfang des Projektes „Vision Y“, wie der Direktor des MLI Leadership Instituts München, Sebastian Morgner, auf der Future of Leadership Conference 2015 berichtete.

In einem Gespräch mit Professorin Isabell Welpe, auch Mitglied im Beirat des MLI, war Anfang 2014 die Idee für das gemeinsame Projekt entstanden. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München (TUM) sitzt auch im Aufsichtsrat des Center for Digital Technology & Management (CDTM). Das CDTM bietet einen gemeinsamen Graduiertenstudiengang der beiden Münchner Universitäten TUM und LMU an.

Die CDTM-Studenten Maximilan Igl und Veronika Fischer präsentierten die Vision Y vor den rund 120 Teilnehmern der FLC Future of Leadership Conference als eingängige Bildgeschichte. Die wesentlichen Inhalte der Vision Y sind im Vision-Y-Clip zusammengefasst.                                      Quelle: Mohr Berkemeyer Mohr GbR

Die Graduierten und Studenten des CDTM waren von der Idee begeistert. So begann eine gemeinsame 15-monatige intellektuelle Reise. Mit den Methoden des MLI entwickelte man eine umfassende Vision für eine erstrebenswerte Zukunft. Zunächst führten die Studenten intensive Gespräche mit 30 Vordenkern aus aller Welt. In Genf traf man den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, in London sprach das Projektteam mit Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales, man telefonierte mit SAP-CEO Bill McDermott, während er im Flugzeug saß, skypte mit Bestseller-Autor Nassim Nicholas Taleb in New York und besuchte in Berlin die Vertreter politischer Parteien und ausgewählter Botschaften.

Das MLI Leadership Institut München gestaltete im Sommer vergangenen Jahres einen interaktiven Workshop. Basierend auf dem Input der Vordenker klärten die Studenten und Graduierten zunächst für sich, woran man nachhaltigen Fortschritt erkennt. Dann entwickelten sie gemeinsam die wichtigsten Zielsetzungen und legten fest, welche Verhaltensweisen und Initiativen wichtig sind, um den gewünschten Zielzustand zu erreichen. Zwei intensive Tage. „Manchmal kam ich mir vor wie eine intellektuelle Legehenne“, sagte eine der Teilnehmerinnen, „aber das Ergebnis war überraschend. Wir beschäftigen uns täglich mit Technologie. Während der Arbeit an der Vision Y wurde uns bewusst, dass es tatsächlich um einen tieferen Sinn geht. Technologie ist dann nur ein Enabler“.

Die wichtigsten Inhalte der Präsentation sind im Vision Y-Videoclip dargestellt. Danach fand ein hochkarätig besetzter „Reality Check“ statt. Janina Kugel, kürzlich bei Siemens als Personaldirektorin in den Vorstand berufen, sprach mit Rolf Christof Dienst, einem der Gründerväter der deutschen Venture Capital-Szene und Madeleine Gummer von Mohl, der Gründerin von Europas größtem Coworking-Space betahaus in Berlin.

Dienst sagte, er würde in jede der vorgestellten Initiativen investieren: den grenzenlosen Zugang zu hochwertiger Ausbildung, das menschliche Recht auf den selbstbestimmten Umgang mit Informationen, vollständige Transparenz der Wertschöpfungskette für Konsumenten und umweltneutrale Wirtschaftsproduktion.

Janina Kugel stellte fest, dass die vorgestellte Vision aus einer klar westlichen Perspektive entwickelt wurde. Gerade die skeptische Einstellung gegenüber großen Unternehmen sei hierfür bezeichnend. „In vielen Schwellenländern wollen die besten und klügsten Nachwuchstalente für große Unternehmen arbeiten“.

Rolf Christof Dienst stellte klar, es gebe in Deutschland eine sehr lebendige Gründerkultur. Zwar entstünden hier nicht Internet-Giganten wie im Silicon Valley, aber Berlin sei ein kreatives Zentrum für neue Business-Ideen und auch der deutsche Mittelstand sei ein Motor für Innovation. Am Beispiel von Google erläuterte er, es gehe um die richtige Balance aus klar definierten Prozessen und Freiräumen für Mitarbeiter, um selbstbestimmt zu handeln und Entscheidungen zu treffen.

Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass Europa, aber auch die asiatischen Staaten, die Bedeutung von Scheitern für jede Form von Fortschritt erkennen und kulturell stärker verankern sollten.

„Ein mögliches Scheitern bewusst zuzulassen ist wichtig, manchmal wichtiger als der schnelle Erfolg“, betonte Janina Kugel.

Madeleine Gummer von Mohl berichtete, dass zunehmend große Unternehmen Abordnungen ins betahaus schicken, um von der Gründerszene zu lernen. Dabei gehe es vor allem um schnelles Vernetzen und Ausprobieren.

Leadership, darin waren sich die Podiumsteilnehmer einig, hat in Zukunft immer weniger mit Hierarchie und Entscheidungsmacht zu tun als vielmehr mit Überzeugungskraft und der Fähigkeit, alle Beteiligten für eine gemeinsame, sinnvolle Sache zu begeistern und zu motivieren.

Das betonte auch die Harvard-Professorin für Public Leadership, Barbara Kellermann, in ihrer Keynote: Leadership ist eine Aufgabe in einem komplexen System. Wichtiger als die Persönlichkeit des Leaders ist die Qualität der Follower. Kluge Leader brauchen kluge Follower und schlechte Leader hätten keinen Einfluss ohne unkritische Follower, seien es Mitarbeiter, Kunden oder Investoren. 

In interaktiven Future-Labs entwickeln Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft mit Studenten Ansätze, um die Ideen aus der Vision Y in Unternehmen und Organisationen zu verwirklichen. 
Foto: Mohr Berkemeyer Mohr GbR

 

 

Lisa Kirberg

Lisa Kirberg ist Expertin für Strategieaktivierung beim MLI Leadership Institut München. Sie studierte International Relations and Management an den Universitäten Regensburg und Buenos Aires. Zuletzt arbeitete Sie als Projektleiterin für länderübergreifende Change-Projekte bei der Federation of Canadian Municipalities in Ottawa (Kanada).

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