FLC 2015 - Future of Leadership Conference: Wie erzielt man wahren Fortschritt

von Lisa Kirberg

Die FLC Future of Leadership Conference ist als eintägiger englischsprachiger Think Tank konzipiert, um Sichtweisen auf das generische Thema Fortschritt auszutauschen und Ideen zu gewinnen, wie man in Unternehmen und Organisationen ganz konkret Fortschritte bewirken kann.

Die Veranstaltung wurde vom MLI Leadership Institut München in Kooperation mit der Initiative Voices of Leadership organisiert. Hier sollen Herausforderungen für Führungskräfte diskutiert werden, die im Rahmen der Digitalisiererung und zunehmender weltweiten Vernetzung und gegenseitiger Abhängigkeiten entstehen.

Ein inspirierender Ort: in der Evangelischen Akademie Tutzing haben schon viele bedeutende Dialog-Veranstaltungen stattgefunden.  Foto: Mohr Berkemeyer Mohr GbR

 

Studenten und Graduierte des Center for Digital Technology & Management (CDTM) stellten ihre Vision einer wünschenswerten Zukunft vor, die sie mit den Methoden des MLI entwickelt hatten. In den Diskussionen und Keynotes des Tages ging es dann vor allem um die Frage, welche Haltung und welcher Führungsstil erforderlich ist, um nachhaltigen Fortschritt zu erzielen.

Der Schirmherr und Präsident der TUM, Professor Wolfgang A. Herrmann eröffnet die MLC Leadership Conference.   Quelle: Mohr Berkemeyer Mohr

Atmosphärisch dicht: das Auditorium der Evangelischen Akademie Tutzing. 
Foto: Mohr Berkemeyer Mohr GbR

 

MLI-Geschäftsführer Sebastian Morgner erinnerte in seiner Begrüßungsrede an den Mauerfall 1989. Bemerkenswert sei damals gewesen, dass die Bürger der ehemaligen DDR als Netzwerk lokaler Gruppen ohne eine starke Führungspersönlichkeit den friedlichen Widerstand organisiert und so einen enormen sozialen Fortschritt erzielt hätten – ohne Facebook und Twitter. So hätten sie vor allem die mentalen Mauern im Denken der alten DDR-Elite überwunden, die in der Berliner Mauer ihre Materialisierung gefunden haben. 

Professor Wolfgang A. Herrmann, der Präsident der Technischen Universität München (TUM), sagte als Schirmherr der Konferenz: Wichtig sei es, sein Denken täglich ein Stück zu überwinden. Nur durch das ständige Hinterfragen der eigenen Denkweise könne Neues entstehen. „Unternehmerisches Denken ist ein Schlüssel für Fortschritt“, betonte Herrmann.

Thomas Sattelberger, Vorsitzender der HR Alliance und ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom, stellte den unternehmerischen Geist in Deutschland in Frage. Er machte deutlich, dass nur 4% aller Topmanager in deutschen Unternehmen eine solche unternehmerische Erfahrung hätten. Auch die sogenannte Generation Y, die nur eine Minderheit ihrer Altersgenossen ausmache, sei gefangen zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit einerseits und dem Streben nach Selbstverwirklichung andererseits.

Für Sattelberger bedeutet Fortschritt, Unsicherheit zu meistern und sich klug durch komplexe Situationen zu lavieren. Er zitierte Karl Popper, der sagte „Progress means muddling through.“ Man wisse gerade in hohen Führungspositionen oft nicht, welches Vorgehen das richtige sei. Man müsse Dinge ausprobieren und ein hohes Maß an Geduld aufbringen.

Professor Franz-Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome und Zukunftsforscher an der Universität Ulm, hob in seiner Ansprache vor allem die gewaltige Herausforderung der aktuellen Digitalisierung für die Gesellschaft hervor. Eine Vielzahl von Berufen sei der Automatisierung bereits zum Opfer gefallen. Das „Internet of Things“ bringe es mit sich, dass Maschinen und künstliche Systeme immer effektiver würden und einen immer höheren Anteil an der wirtschaftlichen Wertschöpfung hätten. Sie zahlten aber keine Sozialabgaben oder Steuern, trügen also nichts zum Gemeinwohl bei. Das müsse sich ändern, um Menschen neue Arbeitsperspektiven zu bieten.

Professor Radermacher sagte, er verstehe sich als „Sisyphos mit einem Lächeln“. Um Fortschritt zu erzielen, müsse man ein hohes Maß an Frustrationstoleranz mit guter Laune und kritischem Optimismus verbinden.

Dr. Nico Rose, beim Medienriesen Bertelsmann für das Employer Branding verantwortlich, meinte, es seien drei grundlegende Bedürfnisse, nach denen die Menschen strebten, ob sie nun zur Generation Y gehörten oder nicht: Autonomie, Zugehörigkeit und Sinn in dem, was sie tun.

Rose und Radermacher stimmten darin überein, dass Menschen immer schneller lernen und sich entwickeln müssten, um mit dem technologischen Fortschritt Schritt zu halten. Das sei, so Radermacher, angesichts der beschränkten kognitiven Kapazitäten, ein Rennen mit ungewissem Ausgang.

Kerstin Bund, Journalistin bei der Zeit, betonte den Wunsch der Generation Y, Verantwortung zu übernehmen. Man lege aber heute mehr Wert auf nichtmaterielle Attribute wie Selbstbestimmtheit oder sozialer Nutzen. Statussymbole hingegen würden immer weniger wichtig.

Barry Schwartz, dessen Vortrag „The Paradox of Choice“ auf TED und YouTube sagenhafte neun Millionen Aufrufe erzielt hat, ging in seiner Rede darauf ein, dass gerade in einem Umfeld, das als zunehmend unsicher empfunden wird, innere Klarheit umso mehr an Bedeutung gewinne. Wenn jemand aus innerer Überzeugung handle, so bringe er die nötige Ausdauer und Beharrlichkeit mit, seine Ziele trotz aller Ablenkungen konsequent zu verfolgen. Materielle Anreize – und das sei ein immenses Problem in vielen Unternehmen – lenken die Aufmerksamkeit auf persönliche Maximierung und machten schleichend jede Form innerer Motivation zunichte. Der Professor für Psychologie am Swarthmore College wies weiter auf die Wichtigkeit hin, sich nicht zu viele Alternativen offen zu halten. „Gute Entscheidungen verlangen, dass man weiß, wann es Zeit ist, etwas loszulassen oder daran festzuhalten“.

Fortschritt, so das Fazit am Ende der Konferenz, ist ein relatives Konzept. Es fängt aber immer bei der eigenen Einstellung und den eigenen Verhaltensweisen an. Wer über den Fortschritt in der großen Welt lamentiert, ohne sich selbst zu fragen, was im Alltag sein konkreter Beitrag dazu sein kann, führt nicht, sondern vermeidet es, Verantwortung zu übernehmen.

Zusammenfassungen der Keynotes sehen Sie auf der Seite www.future-of-leadership.org

MLI Beirätin Professor Isabell Welpe diskutiert mit dem Chief Human Resource Officer der Allianz Group, Dr. Christian Finckh. 
Foto: Mohr Berkemeyer Mohr GbR

Lisa Kirberg

Lisa Kirberg ist Expertin für Strategieaktivierung beim MLI Leadership Institut München. Sie studierte International Relations and Management an den Universitäten Regensburg und Buenos Aires. Zuletzt arbeitete Sie als Projektleiterin für länderübergreifende Change-Projekte bei der Federation of Canadian Municipalities in Ottawa (Kanada).

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